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Windows XP in der Berliner Verwaltung: Zweite Frist zum Umstieg verpasst?

Bereits im letzten Jahr habe ich über die Probleme geschrieben, die dem Land Berlin durch die verpasste Umstellung von Windows XP entstehen. Da Microsoft die Unterstützung für diese Betriebssystemversion vor einem Jahr eingestellt hat, aber immer noch tausende Rechner in der Berliner Verwaltung damit liefen und ein Umstieg auch durch Abhängigkeiten mit zahlreichen Fachverfahren erschwert wurde, musste das Land Berlin ein weiteres Jahr Support hinzukaufen.

Da die damit gesetzte Frist zum Umstieg von Windows XP im kommenden April endet, habe ich den Senat nach dem aktuellen Stand der Umsetzung gefragt. Die Antwort ist ernüchternd: Der letzte Stand, den der Senat angeben kann, ist vom Oktober 2014. Zu diesem Zeitpunkt waren immer noch fast 30.000 Rechner in der Berliner Verwaltung nicht umgestellt, für 61 eingesetzte Fachverfahren bestand eine Abhängigkeit von Windows XP.

In Ermangelung neuerer Zahlen – und in Anbetracht der Tatsache, dass von einem Einsatz über den Ablauf des Supports hinaus ein Sicherheitsrisiko ausgeht – wird dem Senat womöglich nichts anderes übrig bleiben, als erneut eine Supportverlängerung mit Microsoft auszuhandeln. Vorbereitet ist man darauf bereits. Die genauen Kosten sind nicht bezifferbar; das erste Jahr der Supportverlängerung hat aber insgesamt 300.000€ (netto) gekostet.

Das Fehlen jeder praktikablen Steuerungsmöglichkeit im Bereich der Verwaltungs-IT verursacht Berlin also weiterhin laufende Kosten, nicht nur an dieser Stelle. Auf die Vorlage des seit der letzten Legislaturperiode angekündigten E-Government-Gesetzes, dass die Zuständigkeiten neu regeln soll, warten wir indes leider immer noch.

Senat verschläft das Ende von Windows XP

Seit Jahren ist bekannt, dass Microsoft den Support für das Betriebssystem Windows XP zum 08.04.14 einstellen wird. Rechner, die über dieses Datum hinaus mit dem Produkt arbeiten, stellen gefährliche Sicherheitsrisiken dar. Im Januar wollte ich durch eine kleine Anfrage vom Senat unter anderem wissen, welcher Zeitplan für die Migration existiert, ob im Zuge der notwendigen Umstellung ein Wechsel zu Open Source Software erfolgen könnte und ob die Fachverfahren des Landes ohne Weiteres auf Windows 7 umgestellt werden können.

Derzeit basieren in der Berliner Verwaltung rund 48.560 IT-Arbeitsplätze auf Windows XP. Mehr als 30.000 davon arbeiten auch über den 8. April hinaus mit dem veralteten System. Verantwortlich sind dafür nicht nur technische, finanzielle oder personelle Hürden. Erst im Sommer 2013 erfasste der Senat, welche der rund 300 IT-Fachverfahren mit Windows 7 kompatibel sind. Viele waren und sind das nicht. Betroffen sind etwa Programme zum Betrieb von Kassenautomaten und EC-Zahlungen im Bezirksamt, Sozialamt, Ordnungsamt (…) oder auch „Wahlinfo Europawahlen“ und die Meldesoftware der Bürgerämter. Inkompatible Fachverfahren waren stets eines der Hauptargumente für einen generellen Windowseinsatz. Dass diese mit Windows 7 teilweise auch nicht kompatibel sein könnten, wurde viel zu spät erfasst.

Frank Henkel, zuständiger Senator für Inneres und Sport, verweist auf dezentrale Organisationsstrukturen und Zuständigkeiten. Die Umstellung erfolgt ämterweise, eine übergreifende Arbeitsgruppe gibt es nicht.  Aus dem IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ) heißt es in extra herausgegebenen Sicherheitshinweisen lapidar: „Betroffene PCS sollten nicht mehr mit dem Internet verbinden.“

Am Beispiel der Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzerberg lässt sich erahnen, vor welche Probleme die Behörden damit gestellt werden. Wie aus einer mündlichen Anfrage der Piratenfraktion hervorgeht, ist eine Umstellung bisher bei 46 Rechnern erfolgt. Dies entspricht einem Anteil von 3%. Die Senatsverwaltung stellt indess keine zusätzlichen Mittel für neue Lizenzen zur Verfügung, weder im Haushalt 2014/2015, noch im Haushalt 2012/2013 wurden entsprechende Mehrausgaben berücksichtigt, auch eine Sonderregelung ist nicht in Sicht. Der Bezirk prüft parallel mit einer Open Source Kommission, wie zukünftig der Einsatz proprietärer Software eingeschränkt oder vermieden werden könnte.

Die Verantwortung alleine den Verwaltungen zu überlassen, diesen gleichzeitig aber keinerlei Mittel an die Hand zu geben, ist grob fahrlässig. Die dezentrale Verantwortungsstruktur in der IT muss dringend geprüft werden, eine übergreifende Arbeitsgruppe hätte die Migrationsplanung rechtzeitig und unter Berücksichtigung der besonderen Anforderungen bei Fachverfahren vornehmen müssen.

Das IT-Dienstleistungszentrum hat mit Microsoft ein „temporäres Notfallpaket“ ausgehandelt, um bis 2015 einen verlängerten Support anbieten zu können. Derzeit liegen ca. 15 Anmeldungen für das Paket vor, die Kosten werden mit ca. 10.000€ pro Behörde veranschlagt. Laut Datenschutzbeauftragen ist eine Inanspruchnahme des Angebotes für die betroffenen Behörden verpflichtend.

Gelöst sind die massiven Probleme bei der Umstellung durch das „Notfallpaket“ nicht. Die Migration wird nur aufgeschoben und muss bis spätestens bis 2015 abgeschlossen sein – selbst mit einer zentralen Organisationseinheit ein knapper Zeitplan. Da dieser Zeitpunkt in den derzeit laufenden Haushalt fällt, sind auch bis dahin keine zusätzlichen Mittel für die Umsetzung zu erwarten. Auch hier obliegt es den Bezirken, individuell einzukaufen.  Zu den Lizenzkosten und dem Aufwand im Rahmen der Umstellung kommen dann weitere, nicht gedeckelte Kosten für die Unterstützung durch Microsoft hinzu.

Für die kommende Sitzung des ITDAT am 05.05.14, habe ich daher den Besprechungspunkt „Fehlplanung bei der Umstellung von Windows XP und wie geht es weiter?“ angemeldet.

 

Presse

28.03.14 Pressemitteilung, Dr. Simon Weiß, „Senat verschläft das Ende von Windows XP“
07.04.14, Berliner Zeitung, “Berliner Behörden verschlafen Windows XP Umstellung”
08.04.14, Tagesspiegel, “Windows XP lebt in den Ämtern weiter”

Open Source für Friedrichshain-Kreuzberg

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat nach Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung und großem Engagement der Piraten Friedrichshain-Kreuzberg eine Open Source Kommission eingerichtet, um zu prüfen, ob und wie quelloffene Software in die Bezirks-IT implementiert werden könnte. Diesen Vorstoß begrüße ich ausdrücklich, hebt er sich doch von zögerlichen oder nicht vorhandenen Migrationsansätzen auf Landesebene ab. So freute ich mich sehr über eine Einladung zur zweiten Sitzung der OSS-Kommission.

Das Projekt „Open Source für Friedrichshain-Kreuzberg“ beleuchtet Aspekte einer möglichen Umstellung von Betriebssystemen und Anwendersoftware auf Open Source Produkte. 40% der Server laufen bereits jetzt mit Open Source Software, auch hier soll der Anteil erhöht werden. In der ersten Sitzung wurden Pilot- und Modellprojekte vorgestellt und Erfahrungen ausgetauscht, bei der Sitzung in der vergangenen Woche drehte sich alles um technische Aspekte einer möglichen Umstellung.

Zum Thema „Technische Aspekte einer Migration“ referierten Dr. Ludwig Bohrer (Senatsverwaltung für Inneres und Sport/ITDZ Berlin), Thomas Dickmann, Leiter Produktmanagement des IT-Dienstleistungszentrum sowie Michael Arndt von der Open Source Business Alliance (OSBA).

Im Rahmen der Veranstaltung wurden zahlreiche Bedenken und Sachzwänge, aber auch Lösungsansätze geäußert. Einen Paradigmenwechsel und Mut zum Risiko forderte beispielsweise Michael Arndt (OSBA). Zunächst könnten Mischverfahren, also der strategische, parallele Einsatz von proprietärer und OS-Software angewendet werden. Auch die komplexen IT-Fachverfahren könnten als OSS-Projekte ausgeschrieben werden.

Arndt verdeutlichte nochmals die Vorteile von OSS wie Anwendungssicherheit bei hoher Nutzerfreundlichkeit, variabel auswählbare Dienstleister, Investitionssicherheit, kontrollierbarer Code, standardisierte Entwicklung, effiziente Ressourcennutzung, schnelle Fehlerbehebung und Förderungen der lokalen Wirtschaft.

„Open Source braucht keinen Welpenschutz mehr“, so Arndt. Er ruft zu einem konzeptionelle Wechsel auf und fordert, sich Sachzwängen nicht immer wieder hinzugeben. Das IT-Dienstleistungszentrum, vertreten von Thomas Dickmann, machte deutlich, dass das Zentrum entsprechend des geäußerten Bedarfs zur Unterstützung zur Verfügung stehe.

Die Kommission kommt das nächste Mal am 20.03.14 zusammen und befasst sich in der öffentlichen Sitzung mit rechtlichen Aspekten einer OSS-Migration. Ich wünsche dem Projekt viel Erfolg!

 

Weiterführende Links

Antrag „Leitlinien für einen standardisierten It-Arbeitsplatz – Offen und zukunftsorientiert“
Kleine Anfrage Simon Weiß zum standardisierten IT-Arbeitsplatz
Kleine Anfrage Simon Weiß Migration von Windows XP
IT-Standards der Berliner Verwaltung 2013
IT-Standardisierungsgrundsätze
Berliner Netzwerk für freie IT

Kleine Anfrage – Migration von Windows XP

Ab April 2014 wird das Betriebssystem Windows XP offiziell nicht mehr unterstützt. Der wegfallende Support macht eine umfassende Umstellung der IT in der Berliner Verwaltung erforderlich. Im Zuge dessen sollte geprüft werden, ob nicht-proprietäre Software, beispielsweise nach dem Münchner Modell, eingesetzt werden könnte.

In einer kleinen Anfrage möchte ich vom Berliner Senat deshalb wissen:

  1. Auf wie vielen Rechnern in der Berliner Verwaltung läuft zur Zeit das Betriebssystem Windows XP und bei wie vielen ist eine Umstellung rechtzeitig zum Auslaufen des offiziellen Supports im April geplant?
  2. Welcher Zeitplan existiert für die vollständige Migration von Windows XP?
  3. In welchen Fälle wurde geprüft, ob sich mit dem Ausstieg aus Windows XP der Wechsel auf ein nichtproprietäres Betriebssystem verbinden lässt, und jeweils mit welchem Ergebnis?
  4. Existieren in der Berliner Verwaltung Fachanwendungen mit Abhängigkeiten von Windows XP bzw. Office 2003, deren Migration auf Windows 7 bzw. Office 2010 nicht ohne weiteres möglich ist?
  5. Falls ja: Welche Pläne zur Migration dieser Fachanwendungen existieren?

Der Einsatz von freier Software würde nicht nur mittelfristig Kosten einsparen, da keine Lizenzgebühren anfallen, sondern zudem Unabhängigkeit von Drittleistern garantieren und für erhöhte Sicherheit und Transparenz durch kontrollierbaren, ständig weiterentwickelten Quellcode sorgen.

Antwort